Pastorale
PASTORALE – Diese Überschrift schrieb Arcangelo Corelli um das Jahr 1690 über den letzten Satz seines Concerto Grosso Nr. 8, das gemeinhin als „Weihnachts-Concerto“ bekannt geworden ist. Der italienische Komponist vermerkte „Fatto per la notte di Natale“ (komponiert für die Christnacht) auf seiner Partitur. Doch in Zeiten vor „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ ist es mitunter für uns gar nicht so leicht zu erklären, was Musik zu Barockzeiten buchstäblich weihnachtlich klingen lässt. Ein Schlüssel liegt in eben jener Pastorale, die sie gleich zu Beginn unseres Konzertes hören dürfen.
Pastoralen lassen sich in der Kunstgeschichte als Hirtenszenen definieren, oft asoziiert mit ländlichem Idyll und Wohlbefinden. Die Hirten auf den Feldern Bethlehems, denen die frohe Botschaft zuerst verkündet wurde, wurden so zu Projektionsflächen für die weihnachtliche Behaglichkeit. Nicht nur Corelli, sondern auch z. B. Händel im „Messias“ und nicht zuletzt Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachts-Oratorium komponierten Hirtenmusiken in ihre Werke, denn was immer zur damaligen Zeit aus Italien kam, war modebestimmend.
All diese Musiken zeichnen sich durch ein tänzerisches Metrum und Dur-Tonalität aus, einfache Hirteninstrumente werden durch brummende Bässe und volkstümliche Melodien imitiert. Holzbläser werden wie Hirtenpfeifen eingesetzt. Und in all dem Wiegen und Wogen stellt sie sich ein, die Weihnachts-(Vor)freude.
Die Kantate „Ich freue mich in dir“ gehört innerhalb des Schaffens von Johann Sebastian Bach in den Zyklus der Choral-Kantaten, in denen der Meisterkomponist populäre Kirchenchoräle als Text- und Musikgrundlage für seine Gottesdienst-Musiken wählte. Das lyrische Ich erfreut sich in diesem Choral am Anblick des neu gewonnenen Geschwisterkindes in weihnachtlich-überschwänglicher Manier. Nur Tenor und Bass müssen im Sinne der Theologie pflichtbewusst an die Sündenschuld des Menschen und die Endlichkeit seines Lebens erinnern, worüber die Geburt Jesu aber in den Arien von Alt und Sopran mit Leichtigkeit hinwegtröstet.
Das Prélude des Oratorio de Noël von Camille Saint-Saëns ist nicht mehr und nicht weniger als eine musikalische Verbeugung vor Bach. Saint-Saëns nutzt hier die Möglichkeiten der Orgel, um die Hirtenpfeifen mit ihrem herben Klang in das fröhliche Weben der Weihnachtsbotschaft zu integrieren. Wie auch Bach in seinem weltberühmten Weihnachtsoratorium knüpft er mit dem Evangelium nach Lukas an, in dem die Menge der himmlischen Heerscharen (der Chor) unter Gloria-Rufen Jesu Geburt verkündet. Was folgt ist feinste französische Romantik, in der sich in die pastoralen Klänge himmlische Harfenmusik und wonneschwelgende Gesänge bis zum jubelnden Schlussgesang „Tollite Hostias“ vereinen.
Wir freuen uns, sie zahlreich zum diesjährigen Kantorei-Konzert begrüßen zu dürfen.